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Mental Health und freier Journalismus: Was ich vor 14 Jahre gerne gewusst hätte

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Mental Health und freier Journalismus: Was ich vor 14 Jahre gerne gewusst hätte

Guest User

Von Christian Zeier

Welch Ironie. Eigentlich hätte das hier ein Referat zum Thema Stress und Mental Health aus der Perspektive eines freien Journalisten werden sollen. Mein Plan: Zwei Wochen Auslandsreise, dann das Referat bei den jungen Journalist:innen in Zürich und am nächsten Tag weiter nach Deutschland. Die Realität: Stress pur, erste Krankheitssymptome und Absage des Referats. So ist dieser Text entstanden.

Seit gut 14 Jahren arbeite ich in als freier Journalist. Erst im Lokalen, dann zu nationalen Themen und heute vor allem in den Bereichen Investigativ- und Auslandsjournalismus. Die gute Nachricht vorneweg: Ich liebe meinen Job genauso wie am Anfang. Er erfüllt mich mit Sinn – und meist auch mit Freude. Weil ich dafür bezahlt werde, neugierig zu sein. Weil ich reisen und schreiben kann. Weil ich spannende Menschen treffe, Rätsel löse, stets Neues lerne und meist selbst entscheide, womit ich mich als nächstes beschäftige. Weil ich mein eigener Chef bin. Und weil ich ausschlafen kann, wenn mir danach ist.

Toll, nicht?

Ja und nein. Das Problem ist, dass fast jeder dieser Aspekte auch eine negative Seite hat. Reisen ist toll – doch welche Redaktion ist heute noch bereit, die Spesen grösserer Auslandsrecherchen zu übernehmen? Flexibilität klingt gut – kann aber in mangelnden Strukturen und Orientierungslosigkeit enden. Unabhängigkeit ist super – bedeutet aber oft Einsamkeit und finanzielle Unsicherheit. Und wenn du nicht um 8 Uhr im Büro sein musst: Warum überhaupt aufstehen?

Freier Journalismus kann noch immer ein Traumjob sein – aber auch der direkte Weg ins Burnout. Entscheidend ist, was du daraus machst. Und zu welchen Kompromissen du bereit bist.

In den letzten Jahren habe ich mir immer wieder überlegt, was mich an diesem Job glücklich macht und was mich stresst, was funktioniert und wo ich gescheitert bin. Basierend auf diesen Gedanken habe ich ein paar Ratschläge formuliert, die freien Journalismus gesünder machen können. Die Liste ist weder vollständig noch allgemeingültig. Sie ist das, was ich mir vor 14 Jahren gewünscht hätte.

Glaub an deine Arbeit

In meiner Erfahrung müssen freie Journalist:innen tendenziell exakter, besser und zuverlässiger arbeiten als ihre angestellten Kollegen. Und sie müssen bessere Geschichten vorschlagen, damit diese auch wirklich realisiert werden. Das mag nicht überall der Fall sein, aber sicher ist: Die angestellten Kolleg:innen sind bereits bezahlt – du hingegen belastest das Budget zusätzlich. Es hilft, diese Regel im Kopf zu haben, wenn du eine Absage erhältst. Und vielleicht noch wichtiger: Geschmäcker sind verschieden. Natürlich gibt es objektive Kriterien, um Recherchen und Texte zu beurteilen. Dennoch bleibt vieles subjektiv – was dem einen Medium keine Rückmeldung wert ist, kann beim anderen auf der Titelseite landen. Ein Phänomen, das selbst die berühmtesten Autorinnen erfahren. Deshalb gilt: Je eher du akzeptierst, dass Absagen kein Weltuntergang sind, desto besser.

Schaff dir dein Business-Modell

Echte journalistische Freiheit entsteht durch finanzielle Freiheit. Wer möglichst viele Artikel publizieren und jedem Franken hinterherrennen muss, ist zwar freischaffend, aber doch Gefangener der wirtschaftlichen Zwänge. Grössere Recherche? Keine Zeit. Herzensprojekt? Lohnt sich nicht. Um aus diesem Denken auszubrechen, braucht es ein Business-Modell, das ausserhalb der miserablen Honorare für freie Journalist:innen funktioniert. Deshalb rate ich allen, die in ihrer Themenwahl möglichst frei sein wollen: Sucht euch einen Nebenjob, in einer Redaktion oder sonst irgendwo, um einen Teil der Fixkosten mit einem regelmässigen Einkommen zu decken. Das reduziert Stress sowie Existenzängste – und kann die Qualität des journalistischen Schaffens bedeutend erhöhen.

Hör auf Pareto

Ein einfacher und pragmatischer Tipp. Der italienische Soziologe Vilfredo Pareto prägte die Idee, dass mit 20 Prozent des Aufwandes 80 Prozent der Wirkung erzielt werden können. Um aber die Perfektion, also die restlichen 20 Prozent, zu erreichen, braucht es nochmals 80 Prozent des Gesamtaufwandes. Egal, was man von den Zahlen hält, die Grundidee passt sehr gut zu unserem Job. Ich kenne einige Journalist:innen, denen der Hang zum Perfektionismus die Freude an ihrer Arbeit verdorben hat. Ich empfehle daher: Strebe ein möglichst perfektes Ergebnis an. Aber lass auch mal gut sein. Und stell dir die Frage: Braucht es die restlichen 20 Prozent wirklich?

Nimm’s nicht persönlich

Mit diesem Punkt habe ich selbst immer wieder zu kämpfen. Wer publiziert, exponiert sich. Und wer viel Energie sowie Herzblut in seine Publikationen steckt, macht sich besonders angreifbar. Dabei solltest du nie vergessen: Du bist nicht deine Arbeit. Nur weil du einmal etwas falsch machst oder einen mittelmässigen Artikel publizierst, macht dich das noch lange nicht zu einer schlechten Journalistin oder einem schlechten Journalisten. Und nur weil der eine oder andere anonyme Schreiberling einen wütenden Kommentar unter deinem Artikel platziert, sagt das noch lange nichts über die Qualität deiner Arbeit aus.

Suche Verbündete

Während Jahren hatte ich dieses Bild des Journalisten (und insbesondere des Auslandsreporters) als lonely wolf im Kopf. Der Einzelkämpfer, der in ferne Länder reist, und mit tollen Geschichten zurück kommt. Das ist ein Teil der Realität – doch mittlerweile ist für mich klar: Journalismus ist dann am besten (und gesündesten), wenn er im Team entsteht. Das gilt ganz besonders für freie Journalist:innen, die bei der Entstehung ihrer Geschichten nur allzu oft alleine gelassen werden. Teamarbeit auf Augenhöhe kann Recherchen weiterbringen, Texte besser machen, Finanzierungsmodelle ermöglichen und vor allem: die psychische Gesundheit fördern. Oder wie es die freie Journalistin Anina Ritscher kürzlich so schön geschrieben hat: Bildet banden.

Schau nach vorne

Wer in den letzten zwei Jahrzehnten in den Journalismus eingestiegen ist, mag die Geschichten nicht mehr hören: Früher hatte man noch Geld. Früher wäre das nie passiert. Früher war alles besser. Bei allem Verständnis für die notwendige und wichtige Kritik an Medienkonzentration und Abbauwahn, es gibt unzählige Aspekte im Journalismus, die heute viel besser sind als früher. Zum Beispiel: Nie war es einfacher, an grosse Mengen relevanter Daten zu gelangen. Nie war es so günstig, mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Nie war es simpler, direkt und ohne teuren Hilfsmittel zu publizieren. Und doch überwiegt in vielen Redaktionen der Pessimismus – weil die Zukunft an der Vergangenheit gemessen wird. Deshalb habe ich mir vor Jahren geschworen, für ein Medium zu arbeiten, das vor allem nach vorne schaut. So ist REFLEKT entstanden.

Sei mutig

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt – so plump dies klingt, mir hat diese Einstellung fast immer Glück gebracht. Dass ich 2009 meine erste Anstellung als Redaktor kündete, weil ich keine Begeisterung mehr spürte, habe ich keine Sekunde bereut. Dass ich 2014, in einem persönlich schwierigen Jahr, raus bin in die weite Welt und anfing, Auslandsreportagen zu schreiben, war der Grundstein für meine spätere Arbeit. Und dass wir 2019 auf eigene Rechnung nach Moçambique flogen, vor Ort Fahrer und Fixer bezahlten und dann monatelang recherchierten, resultierte in zwei der renommiertesten Preise im Schweizer Journalismus. Ich glaube fest daran, dass es gesünder ist, Veränderung zu suchen und Unsicherheit zu wagen, als in der sicheren Unzufriedenheit zu versauern. Das hat viel mit meinem letzten Ratschlag zu tun.

Hab Freude

Ich weiss, manche sagen, Journalismus sei ein Beruf wie jeder andere. Doch wenn ich mit Journalist:innen spreche, die für ihren Job brennen, dann spüre ich, dass das so nicht stimmt. Es gibt so viele tolle Journalist:innen auf dieser Welt, die ihren Job trotz widrigster Bedingungen mit inspirierendem Engagement und grösstem Eifer ausüben. Es gibt so viele, die auf Geld und Sicherheit verzichten, um dieser Arbeit nachzugehen. Weil sie überzeugt sind, dass es wichtig ist. Weil sie sich nichts Spannenderes vorstellen können. Weil es ihnen Spass macht, jeden Tag was Neues zu entdecken.

Deshalb habe ich mir geschworen: Sollte mir diese anstrengende, oft schlecht bezahlte und nicht selten zermürbende Arbeit eines Tages keinen Spass mehr machen, höre ich auf. Daran darf man mich gerne erinnern.

Zur Person

Christian Zeier (1986) ist freier Auslandsreporter sowie Mitbegründer und redaktioneller Leiter des unabhängigen und investigativen Recherche-Teams REFLEKT. Während seines Bachelor-Studiums in Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Fribourg sammelte er erste journalistische Erfahrungen beim Burgdorfer Tagblatt/Aemme Zytig, wo er auch als Redaktor tätig war. Später arbeitete er für die Berner Zeitung und machte sich nach dem Abschluss des Master-Studiums Soziale Probleme und Sozialpolitik als freier Journalist selbstständig. Als freier Auslandsreporter hat Christian Zeier für die grösseren Zeitungen und Magazine der Schweiz aus zahlreichen Ländern im Nahen Osten und auf dem afrikanischen Kontinent berichtet – darunter Somalia, Nigeria, Eritrea oder Irak. Um trotz Sparkurs in der Medienbranche grössere journalistische Recherchen zu ermöglichen, gründete er 2019 REFLEKT, das sich unter anderem durch Beiträge von Stiftungen und Mitgliedern finanziert. Gemeinsam mit seinem Team wurde Christian Zeier 2021 und 2020 mit einem Swiss Press Award und 2020 mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet.